<p>Viele wollen ihn aufhalten, den Alterungsprozess, und
zwischen Jung-Bleiben und Alt-Werden rückt die merkwürdige Zeitlosigkeit des
Alterns in den Hintergrund, obwohl uns diese von Geburt an begleitet.</p>
<p>Das Thema des Alters oder Alterns hat es in der Literatur
immer gegeben, man denke nur an Sophokles’ <i>Ödipus
auf Kolonos</i> oder an Shakespeares <i>King
Lear</i>, an Gellerts Gedicht <i>Der Greis</i>
oder Goethes <i>Der Mann von fünfzig Jahren</i>,
an Stifters <i>Hagestolz</i>, an Fontanes <i>Stechlin </i>und Manns <i>Tod in Venedig</i>. Auch an Brechts Erzählung <i>Die unwürdige Greisin</i> von 1939 und den einige Jahre zuvor
entstandenen Roman <i>All Passion Spent</i>
(Dt. <i>Erloschenes Feuer</i>) von Vita
Sackville-West, der so eindrücklich die letzten in Unabhängigkeit genossenen
Jahre einer über 80-Jährigen ins Zentrum rückt, sei hier kurz erinnert. Jean
Amerys Essay <i>Über das Altern </i>(1968),
der den pointierten Untertitel ‚Revolte und Resignation‘ trägt, bestimmte
gemeinsam mit Simone de Beauvoirs <i>La
Vieillesse</i> (Dt. <a href="http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Das_Alter&action=edit&redlink=1"><i>Das Alter</i></a>, beide 1970) die
deutschsprachige Debatte um das Altern in den späten sechziger und siebziger
Jahren. Diese war von den gesellschaftlichen Bedingungen ihrer Entstehung
geprägt und entstand vor dem Hintergrund und in Auseinandersetzung mit der aus
der Konsumgesellschaft erwachsenen Jugendkultur.</p>
<p>Nach der Jahrtausendwende stellt sich die Frage nach dem
Altern unter veränderten Bedingungen. Zum Einen lässt der medizinische
Fortschritt Menschen nicht nur älter werden als jemals zuvor, verlangt also
nach einer sinnvollen und produktiven Beschäftigung auch während des
‚Ruhestands‘, und produziert– gleichsam als Nebenprodukt – eine Vielfalt an
Verjüngungstechniken. Sowohl z. B. Bovenschens <i>Älter werden</i> (2006) als auch Margarete Mitscherlichs <i>Die Radikalität des Alters</i> (2010)
stellen in diesem Zusammenhang die Frage nach der inneren Realität des
Älterwerdens aus weiblicher Sicht neu. </p>
<p>Zum Anderen aber werden Altersarmut und vor allem Demenz
zunehmend zu einem Problem, auf das Politik, Literatur, Film, Theater,
Fernsehen, aber auch Online-Foren reagieren. Hier sei nur an die Debatten
erinnert, die Bücher wie Tilman Jensʼ <i>Demenz
– Abschied von meinem Vater </i>(2009), oder Rosenbergs <i>Mutter, wann stirbst du endlich</i> – <em>Wenn die Pflege der kranken
Eltern zur Zerreißprobe wird</em> oder auch John Bayleys <i>Iris –</i> <i>A
Memoir of Iris Murdoch</i>
(1998) (2001 verfilmt unter dem Titel <i>Iris</i>)
in den letzten Jahren ausgelöst haben.</p>
<p>Ist das Alter(n) schon lange Thema der Literatur, so wird
es auch zunehmend von der Literatur- und Kulturwissenschaft wahrgenommen, hier
sowohl als Reaktion auf die sich wandelnde soziale Wirklichkeit, aber auch auf
die Flut der oftmals biographischen oder autobiographischen Literatur zu Alter,
Krankheit und Sterben. </p>
<p>Eingeladen sind für diesen Band Beiträge, die das Altern
aus literarischer und kulturwissenschaftlicher Perspektive behandeln: von der
trügerischen Temporalität und den Räumen des Alterns und deren Thematisierung
bis hin zur Frage nach dem kreativen Reifungs- oder Vergreisungsprozess, vom
Altern von Kunstwerken bis hin zum Altern von Kulturen, oder unter Berücksichtigung
von Kategorien wie Generation, Gedächtnis, Geschlecht, Verfall oder Vergessen. </p>