Altern / Ageing, ed. by Franz-Josef Deiters et al., Freiburg i.Br./Berlin: Rombach Verlag, 2015 (= Limbus – Australisches Jahrbuch für germanistische Literatur- und Kulturwissenschaft 8), 304 pp.

2015-10-30T00:04:38Z (GMT) by Franz-Josef Deiters

Viele wollen ihn aufhalten, den Alterungsprozess, und zwischen Jung-Bleiben und Alt-Werden rückt die merkwürdige Zeitlosigkeit des Alterns in den Hintergrund, obwohl uns diese von Geburt an begleitet.

Das Thema des Alters oder Alterns hat es in der Literatur immer gegeben, man denke nur an Sophokles’ Ödipus auf Kolonos oder an Shakespeares King Lear, an Gellerts Gedicht Der Greis oder Goethes Der Mann von fünfzig Jahren, an Stifters Hagestolz, an Fontanes Stechlin und Manns Tod in Venedig. Auch an Brechts Erzählung Die unwürdige Greisin von 1939 und den einige Jahre zuvor entstandenen Roman All Passion Spent (Dt. Erloschenes Feuer) von Vita Sackville-West, der so eindrücklich die letzten in Unabhängigkeit genossenen Jahre einer über 80-Jährigen ins Zentrum rückt, sei hier kurz erinnert. Jean Amerys Essay Über das Altern (1968), der den pointierten Untertitel ‚Revolte und Resignation‘ trägt, bestimmte gemeinsam mit Simone de Beauvoirs La Vieillesse (Dt. Das Alter, beide 1970) die deutschsprachige Debatte um das Altern in den späten sechziger und siebziger Jahren. Diese war von den gesellschaftlichen Bedingungen ihrer Entstehung geprägt und entstand vor dem Hintergrund und in Auseinandersetzung mit der aus der Konsumgesellschaft erwachsenen Jugendkultur.

Nach der Jahrtausendwende stellt sich die Frage nach dem Altern unter veränderten Bedingungen. Zum Einen lässt der medizinische Fortschritt Menschen nicht nur älter werden als jemals zuvor, verlangt also nach einer sinnvollen und produktiven Beschäftigung auch während des ‚Ruhestands‘, und produziert– gleichsam als Nebenprodukt – eine Vielfalt an Verjüngungstechniken. Sowohl z. B. Bovenschens Älter werden (2006) als auch Margarete Mitscherlichs Die Radikalität des Alters (2010) stellen in diesem Zusammenhang die Frage nach der inneren Realität des Älterwerdens aus weiblicher Sicht neu.

Zum Anderen aber werden Altersarmut und vor allem Demenz zunehmend zu einem Problem, auf das Politik, Literatur, Film, Theater, Fernsehen, aber auch Online-Foren reagieren. Hier sei nur an die Debatten erinnert, die Bücher wie Tilman Jensʼ Demenz – Abschied von meinem Vater (2009), oder Rosenbergs Mutter, wann stirbst du endlichWenn die Pflege der kranken Eltern zur Zerreißprobe wird oder auch John Bayleys Iris – A Memoir of Iris Murdoch (1998) (2001 verfilmt unter dem Titel Iris) in den letzten Jahren ausgelöst haben.

Ist das Alter(n) schon lange Thema der Literatur, so wird es auch zunehmend von der Literatur- und Kulturwissenschaft wahrgenommen, hier sowohl als Reaktion auf die sich wandelnde soziale Wirklichkeit, aber auch auf die Flut der oftmals biographischen oder autobiographischen Literatur zu Alter, Krankheit und Sterben.

Eingeladen sind für diesen Band Beiträge, die das Altern aus literarischer und kulturwissenschaftlicher Perspektive behandeln: von der trügerischen Temporalität und den Räumen des Alterns und deren Thematisierung bis hin zur Frage nach dem kreativen Reifungs- oder Vergreisungsprozess, vom Altern von Kunstwerken bis hin zum Altern von Kulturen, oder unter Berücksichtigung von Kategorien wie Generation, Gedächtnis, Geschlecht, Verfall oder Vergessen.